06.11.2026 | NaturFreunde: Investitionen in eine nachhaltige Mobilität statt Milliarden für immer neue Autobahnen
Die Bundesregierung setzt weiterhin auf den Ausbau der Autobahnen und will dafür erhebliche öffentliche Mittel mobilisieren. Unter dem Deckmantel notwendiger Infrastrukturinvestitionen droht eine Verkehrspolitik, die den motorisierten Individualverkehr weiter privilegiert und die dringend notwendige Verkehrswende ausbremst. Für die NaturFreunde ist klar: Unbegrenzter Autobahnbau auf Pump ist der falsche Weg. Nicht mit uns!
Gemeinsam mit Aktiven von der Bürgerinitiative „A 100 stoppen!“, „Gemeingut in BürgerInnenhand“ und dem BUND haben die NaturFreunde gegen das geplante Vorhaben der Bundesregierung vor dem Deutschen Bundestag demonstriert.
Bundesregierung setzt auf Privatisierung
Die geplante Schuldenfinanzierung für die „Autobahn GmbH“ ist Teil der allgemeinen Privatisierung von öffentlichen Aufgaben der Daseinsvorsorge. Eine solche Privatisierung der Aufgaben lehnen die NaturFreunde grundsätzlich ab. Sie ist Teil der Finanzialisierung der gesamten Gesellschaft, die als Antwort auf die zunehmenden privaten Geldvermögen immer größere Anteile der öffentlichen Daseinsvorsorge für private Investoren öffnet. Damit wird die Umverteilung von Reichtum von unten nach oben noch weiter forciert.
Schon 2002 hat Jörg Huffschmid in seinem Buch „Politische Ökonomie der Finanzmärkte“ darauf hingewiesen, dass „auch in den Industrieländern der disziplinierende Druck liberalisierter Finanzmärkte anhält. Er äußert sich weniger in kurzfristigen spekulativen Attacken, sondern setzt an zwei Seiten an. Zum einen fordern die großen Akteure auf den Finanzmärkten eine radikale Senkung von Steuern auf Unternehmens- und Kapitalgewinne und von Sozialabgaben für die Unternehmen. Zum anderen verlangen sie die Auslieferung großer neuer Betätigungsfelder durch Privatisierungen.“[i]
Finanzialisierung der kapitalistischen Gesellschaften
Nach der Finanzkrise 2008 wurde in der linken politischen Ökonomie der Begriff „Finanzialisierung“ als Definition der heutigen ökonomischen Situation immer weiterverbreitet. Ökonom*innen wie Greta Krippner[ii], Gerald A. Epstein[iii] und Costas Lapavitsas[iv] analysierten die Rolle des Finanzkapitals im modernen Kapitalismus.
Hierbei wurde von ihnen „eine Periodisierung der kapitalistischen Entwicklung nach den frühen 1970er Jahren mit dem Begriff der Finanzialisierung (financialization) untersucht. Damit wird ein Prozess bezeichnet, bei dem zunehmende Anteile der Unternehmensgewinne und Haushaltseinkünfte aus finanziellen Aktivitäten erzielt werden, im Vergleich zu jenen Anteilen, die sich direkt aus der Produktion bzw. Lohnarbeit ergeben. Damit einher geht eine Machtverschiebung sowohl innerhalb von Unternehmen als auch zwischen ihnen, bei der der Finanzsektor dem produzierenden Sektor übergeordnet wird.“[v]
Diese Entwicklung charakterisiert „seit mehr als drei Jahrzehnten […] den wachsenden Einfluss des Finanzsektors und dessen Funktionslogik. […] Dieser Prozess führt nicht nur zu wachsender ökonomischer Instabilität, sondern auch zu zunehmender sozialer Ungleichheit.“[vi]
Die NaturFreunde stellen sich dieser Tendenz entgegen und setzen sich für eine Stärkung des öffentlichen Sektors ein. Die Finanzialisierung der Infrastruktur darf nicht dazu führen, dass öffentliche Investitionen zunehmend den Interessen der Finanzmärkte untergeordnet werden. Verkehrspolitik muss dem Gemeinwohl dienen und nicht der Renditeerwartung privater Kapitalgeber.
NaturFreunde fordern Sanierung der maroden Infrastruktur
Die NaturFreunde fordern, dass alle Mittel aus dem Bundesverkehrshaushalt die für Straßenprojekt vorgesehen sind, für den Erhalt und die Sanierung der immer maroderen Infrastruktur von Brücken und Straßen eingesetzt werden. Nicht immer neue Autobahnen, zusätzliche Fahrspuren und überdimensionierte Straßenprojekte dürfen weiter finanziert werden. Wer notwendige Investitionen in die Infrastruktur als Freibrief für immer neue Autobahnprojekte nutzt, handelt klimapolitisch unverantwortlich.
Jeder zusätzliche Autobahnkilometer bedeutet weiteren Flächenverbrauch, die Zerstörung wertvoller Lebensräume, die Zerschneidung von Landschaften und zusätzliche Belastungen durch Lärm und Schadstoffe. Wälder, landwirtschaftliche Flächen und Naturräume werden unwiederbringlich beeinträchtigt. Gleichzeitig steigen die klimaschädlichen Emissionen, wenn eine Verkehrspolitik weiterhin auf immer mehr Autoverkehr setzt.
Mobilitätswende notwendig
Die NaturFreunde fordern deshalb eine grundlegende Neuausrichtung der Verkehrspolitik. Die vorhandenen finanziellen Spielräume müssen konsequent für eine sozial gerechte und ökologische Mobilitätswende eingesetzt werden. Dazu gehört der Ausbau des öffentlichen Nah- und Fernverkehrs, bessere Bahnverbindungen, die Reaktivierung stillgelegter Bahnstrecken, der Ausbau sicherer Rad- und Fußwege sowie eine barrierefreie Mobilität für alle Menschen. Gerade im ländlichen Raum brauchen wir ein verlässliches Angebot an öffentlichen Verkehrsmitteln, damit Menschen auch ohne eigenes Auto mobil sein können.
Es kann nicht sein, dass kommende Generationen mit immer höheren Schulden belastet werden, während gleichzeitig mit neuen Autobahnen die ökologischen Grundlagen ihrer Zukunft zerstört werden. Öffentliche Investitionen müssen dem Gemeinwohl dienen und dürfen nicht einseitig die Interessen des Autoverkehrs bedienen.
Die NaturFreunde stehen für eine Verkehrspolitik, die Klimaschutz, soziale Gerechtigkeit und den Schutz unserer natürlichen Lebensgrundlagen miteinander verbindet. Wir brauchen keine Autobahnpolitik aus dem vergangenen Jahrhundert, sondern eine Mobilitätspolitik, die den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts gerecht wird.
Unser Geld gehört in eine lebenswerte Zukunft – nicht in immer neue Autobahnen! Unbegrenzter Autobahnbau auf Pump? Nicht mit uns!
[i] Jörg Huffschmidt, Politische Ökonomie der Finanzmärkte“, VSA-Verlag, 2002, S. 15.
[ii] Greta Kippner, Capitalizing on Crisis: The Political Origins of the Rise of Finance, Harvard University Press, 2012.
[iii] Gerald A. Epstein, Financialization and the world economy, Edward Elgar Publishing , 2005.
[iv] Costas Lapavitsas, Financialised Capitalism: Expansion and Crisis, Maia Ediciones, 2009.
[v] Andreas Nölke, Finanzkrise, Finanzialisierung und vergleichende Kapitalismusforschung, in: Zeitschrift für Internationale Beziehungen 16(1), 2009, S. 125.
[vi] Andreas Nölke, Finanzialisierung als Kernproblem eines sozialen Europas, in: WSI Mitteilungen 2016, S. 41.
