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Landraub – der neue Kolonialismus

© Uwe Hiksch

27.08.2020 | Landraub ist zu einem alltäglichen Phänomen geworden. Ob in Afrika, Asien, Lateinamerika oder Europa: ausländische Konzerne bringen immer mehr Land unter ihre Kontrolle. Kleinbäuerinnen und Kleinbauern sind die Verlierer dieses rasanten Prozesses der Landkonzentration. Die Gewinner sind die Konzerne, die in großen Monokulturen anbauen und die Produkte exportieren. Sowohl der Landraub als auch die Exporte zeigen ein deutliches Nord-Südgefälle auf. Die Website landmatrix.org hat Daten zu Landverkäufen im Umfang von über 40,6 Mio. Hektar (406.000 km2) registriert. Die gesamte landwirtschaftlich genutzte Fläche (einschließlich Weideflächen) der EU ist nur etwa viel Mal so groß. Rund 70 Prozent der Landverträge finden in den Ländern Subsaharas statt,  in Äthiopien, Mosambik und Sudan. Die oft an das Land verknüpften Wasserrechte spielen dabei zumeist ebenfalls eine zentrale und mit dem Klimawandel zunehmende Rolle. Unternehmen aus Saudi Arabien kaufen oder pachten beispielsweise riesige Flächen im Ausland zur Produktion von Nahrung, da im eigenen Land Wasser ein knappes Gut ist.

Der aktuelle Landraub wurde durch drei Faktoren ausgelöst. In den USA und in Europa wurden Anfang 2000 Agrotreibstoffe massiv subventioniert. Die gesetzlich festgelegten Beimischungsquoten waren und sind nicht mit dem Anbau heimischer Energiepflanzen zu decken. Daher werden große Teile davon wie Zuckerrohr und Palmöl importiert. Während der Weltwirtschaftskrise 2007 stiegen die Nahrungsmittelpreise und somit die Landpreise zudem massiv an. Parallel steigt der Fleischkonsum weltweit stetig an. Viehhaltung bedeutet einen hohen Verbrauch an Tierfutter und an Land.

Oxfam wertete zwischen 2000 und 2011 abgewickelte Landgeschäfte aus 56 Ländern aus. In drei Viertel der Länder gab es Probleme im Mitspracherecht, in der Rechenschaftspflicht und in der Korruptionskontrolle. Oft wurde das Land unter Marktwert verkauft, teilweise sogar an Investoren verschenkt. Nur 10 Prozent dieses Landes dienen dabei der Lebensmittelproduktion. Der weitaus größere Anteil dient Exportpflanzen, die nach Bedarf zu Agrarsprit, Tierfutter oder Nahrungsmitteln verarbeitet werden können.

„Farming without farmers“

Durch Landraub vertriebene Bäuerinnen und Bauern haben bereits im Jahr 2008 deutliche Worte für diese Entwicklung gefunden: „Farming without farmers“ – eine Landwirtschaft ohne Bauern und Bäuerinnen. „Heute können wir kein Einkommen mehr erwirtschaften, das uns ermöglicht, in Würde zu leben. Eine Mischung aus nationalen Politiken und internationalen Rahmenbedingungen ist verantwortlich dafür, dass wir ausgelöscht werden“, (La Via Campesina, Abschlusserklärung der internationalen Konferenz zu den Rechten von Bauern und Bäuerinnen, Jakarta 2008). 1,5 Milliarden indigene Völker und ländliche Gemeinden nutzen 65 Prozent der Landfläche weltweit. Für lediglich 18 Prozent davon existieren legal abgesicherte Besitzverhältnisse der Indigenen und lokale Gemeinden.

Die Menschenrechtorganisation FIAN (Food First Informations- und AktionsNetzwerk) begleitet und berät vertriebene indigene Gemeinden und Bauern. Bestehende Menschenrechtsinstrumente konnten Landraub nicht verhindern. Deshalb müsse, so FIAN, ein Recht auf Land formuliert werden. Dieses ist insbesondere für Frauen im ländlichen Raum Voraussetzung entscheidend. Denn der Anteil der Frauen an den Hungernden ist weltweit überdurchschnittlich hoch. Frauen in Afrika, Asien und Lateinamerika produzieren zwischen 60 und 80 Prozent der Grundnahrungsmittel und sind zuständig für deren Verarbeitung und Lagerung. Frauen leisten also den größten Teil der Arbeit in der Landwirtschaft, arbeiten aber zu schlechteren Bedingungen und niedrigeren Löhnen. Den Zugang zu den nötigen Ressourcen wie Land, Wasser, Saatgut und Krediten erhalten Frauen jedoch nur über ihre männlichen Verwandten.

Die verstärkte Landkonzentration im globalen Süden um für den Konsum und Energiehunger in den globalen Norden zu produzieren ist die Folge politischer Fehlentscheidungen. Die öffentliche und private Agrarforschung ist nicht auf die Bedürfnisse und Potentiale der Kleinbäuerinnen und Kleinbauern ausgerichtet. Die Investitionspolitik schafft einseitige Anreize für große Finanzinvestitionen. Dabei haben 800 Millionen Menschen auf der Welt immer noch nicht genug zu essen. Solange die Politik nicht an einer globalen Verteilungsgerechtigkeit interessiert ist, sondern vielmehr an der Aufrechterhaltung der aktuellen, Energie- und Ressourcenintensiven Wirtschaftsweise des globalen Nordens, wird sich diese Zahl auch nicht verringern.

Kim Weidenberg

Weiterführende Links:

  • www.fian.de
  • www.regenwald.org
  • http://www.landmatrix.org/en/get-the-idea/global-map-investments/
  • http://land-grabbing.de
  • http://farmlandgrab.org

Filmtipp: „Landraub: Die globale Jagd nach Ackerland“ von Kurt Langbein, 2015

aus: WanderfreundIn 01-16

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