22.07.2026 | Mehr als 30 Interessierte waren zur Ausstellungseröffnung „Funktional. Brutal. Sozial?“ von Yannick Kiesel gekommen. Die Ausstellung versammelt rund 80 Fotografien brutalistischer und modernistischer Architektur aus mehr als einem Dutzend Ländern und widmet sich der Frage, welche soziale Bedeutung diese Bauwerke heute noch besitzen.
Die gezeigten Arbeiten führen durch sehr unterschiedliche urbane Räume: von Wohnkomplexen in Rumänien und Kasachstan über öffentliche Gebäude in Usbekistan und Portugal bis hin zu Architektur in den Niederlanden und Berlin. Gemein ist den Fotografien die intensive Auseinandersetzung mit den sozialen Versprechen moderner Architektur – und mit deren Widersprüchen.
Der Brutalismus entstand nach dem Zweiten Weltkrieg aus einem gesellschaftlichen Aufbruch heraus. Wohnraum, Schulen, Kulturhäuser oder Verwaltungsgebäude sollten funktional, zugänglich und sozial sein. Sichtbeton, klare Geometrien und monumentale Formen standen nicht nur für eine neue Ästhetik, sondern auch für die Hoffnung auf gesellschaftlichen Fortschritt und kollektive Teilhabe.
Die Ausstellung zeigt jedoch, dass sich diese Versprechen nicht immer erfüllt haben. Viele der fotografierten Orte wirken heute zugleich faszinierend und abweisend. Monumentale Fassaden, riesige Betonflächen und labyrinthartige Strukturen erzeugen eine Ambivalenz zwischen Offenheit und Isolation. Räume, die einst Begegnung fördern sollten, erscheinen heute oft anonym oder distanziert.
Gerade diese Spannung macht die Stärke der Ausstellung aus. Yannick Kiesel dokumentiert nicht nur Architektur als Form, sondern auch ihre gesellschaftliche Wirkung. Seine Fotografien fragen danach, wie Menschen in diesen Räumen leben, wie Städte soziale Beziehungen prägen und welche Rolle Architektur für Gemeinschaft oder Ausgrenzung spielt.
Die Ausstellung ist während der Öffnungszeiten der Geschäftsstelle noch bis 25. August 2026 zu sehen.
aus: WanderfreundIn 02-2026
