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Urlaub machen, wo Einheimische vertrieben werden

© Foto: HondurasDelegation

12.05.2022 | Interview mit Jessica Fernández über die Folgen von Tourismusprojekten für die afro-indigenen Garínagu in Honduras

Im Rahmen des Projektes „Global unterwegs“ beschäftigen sich NaturFreund*innen mit verschiedenen Aspekten des Tourismus in Ländern des globalen Südens. Vertreibung durch Tourismusprojekte ist ein Thema, das bisher wenig mediale Beachtung findet. Deshalb hat sich Projektkoordinatorin Rita Trautmann mit der Aktivistin Jessica Fernández aus Honduras, die den afro-indigenen Garínagu angehört, über ein konkretes Beispiel von Vertreibung unterhalten.

Jessica, die honduranische Karibikküste ist seit mehr als 200 Jahren von den afro-indigenen Garínagu besiedelt. Für die honduranische Tourismusindustrie ist diese Küste heiß begehrt. Bitte erläutere uns kurz den Konflikt, der aus dem Bau von Hotelanlagen mit den Gemeinden resultiert.

Jessica Fernández: Die Garínagu wurden Ende des 18. Jahrhunderts von der englischen Kolonialmacht von der Karibikinsel St. Vincent nach Mittelamerika deportiert und leben seither an der Karibikküste von Honduras. Nach der Unabhängigkeit von der spanischen Kolonialmacht übertrug die Republik Honduras dieses Gebiet den Garínagu. Laut der Konvention 169 der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) muss der Staat vor der Genehmigung und Umsetzung eines Projektes auf indigenem Gebiet die dort ansässigen Gemeinden in freier und informierter Weise konsultieren. Die Regierung von Honduras hat die Konvention der ILO im Jahr 1995 ratifiziert. Leider wird die darin festgehaltene verpflichtende Konsultation jedoch in Honduras in den meisten Fällen nicht durchgeführt. So beispielsweise auch im Fall der Tourismusprojekte "Indura Beach" und des "Los Micos Beach and Golf Resort".

Als im Jahr 2005 die damalige Regierung unter Ricardo Maduro die Tourismusförderung vorantrieb, wurden in ausgewählten Gebieten, wie auch in der Bucht von Tela, Landnutzungspläne für den Bau von Resorts ausgearbeitet. Dazu wurde Land an der Bucht von Tela verkauft, das eigentlich den Garínagu gehörte. Somit wurden indigenen Landrechte untergraben – für indigene Völker bedeutet das Landraub und Vertreibung.

Die Tourismusprojekte werden vorrangig mit dem Argument durchgeführt, Arbeitsplätze zu schaffen. Wer profitiert an dem Projekt in der Bucht von Tela?

Bei den touristischen Komplexen in der Bucht von Tela handelt es sich um Luxushotels und Golfplätze, an denen der honduranische Staat über das Institut für Tourismus mit 49 % beteiligt ist. Die restlichen 51 % gehören den honduranischen Eliten, die im Honduranischen Tourismus-Investitionsfonds (FITH) zusammengeschlossen sind. Diesem Fonds gehören 46 Geschäftsleute an, darunter der ehemalige Präsident Maduro und die Familie Atala, die in die Ermordung der indigenen Aktivistin Berta Cáceres verwickelt ist.

Die touristischen Komplexe in Tela sind als All-Inclusive-Pakete buchbar – das bedeutet, dass die Tourist*innen alles, was sie während ihres Aufenthalts benötigen, dort bekommen und ihr Geld nicht in den angrenzenden Gemeinden ausgeben. Das Projekt von Tela wurde vollständig auf dem angestammten Territorium der Garínagu errichtet und hat den Gemeinden den Zugang zu Strandbereichen sowie teilweise zu ihren landwirtschaftlich genutzten Gebieten verwehrt.

Ursprünglich wurde den Gemeinden versprochen, sie mit 7 % am Projekt zu beteiligen. Davon ist leider in den Gemeinden nichts angekommen. Aber was sind auch 7 % für Gemeinden, die zu 100 % ihre Lebensgrundlage verlieren? Das Land, der Zugang zu Trinkwasser und der Zugang zum Meer sind für die Gemeinden, die von Landwirtschaft und Fischfang leben, grundlegend wichtig. Dazu kommt, dass unsere traditionelle Lebensweise ohne Gemeindeland und Zugang zum Meer zerstört wird. Außerdem steigen für die lokale Bevölkerung die Lebenshaltungskosten in der Nähe solcher Tourismuskomplexe. Dies zwingt viele der Menschen in die Migration.

Zudem gefährdet diese Luxusanlage auch das Ökosystem an der Bucht von Tela …

Genau, der Hotelkomplex "Indura Beach" beispielsweise liegt innerhalb des Jeannette-Kawas-Nationalparks, der verschiedene Ökosysteme wie Mangroven, Lagunen und tropische Wälder beherbergt. Dieser Park steht auf der Liste der Ramsar Konvention, einem globalen Übereinkommen zum Schutz von Feuchtgebieten von internationaler Bedeutung. Eine anfängliche Umweltverträglichkeitsprüfung legte dar, dass der Hotelkomplex eine Gefahr für den Schutz des Feuchtgebiets darstellt. Da dieses Projekt politisch gewollt war, wurde diese Prüfung später geändert, um den Bau zu ermöglichen. Durch die Hotelanlage wird dieses einzigartige Ökosystem langanhaltend geschädigt.

Welche Folgen hat das Tourismusresort "Indura Beach" für die angrenzenden und teilweise vertriebenen Gemeinden?

Die Folgen für die Bevölkerung in den Gemeinden sind gravierend. Die Konflikte um solche wirtschaftlichen Projekte bringen Bedrohungsszenarien für die betroffenen Gemeinden mit sich, wie zum Beispiel eine erhöhte Präsenz von Militär und Polizei in den Gemeinden, um Menschen, die sich für den Erhalt des Gemeindelandes einsetzen, einzuschüchtern. Die Gemeinde Barra Vieja kämpft seit mehr als einem Jahrzehnt gegen die Enteignung ihres Gemeindelandes. Im Jahr 2008 wurde mit dem Bau des "Indura Beach and Golf Resort" auf ihrem Land begonnen. In Barra Vieja leben 130 Familien, das sind circa 600 bis 700 Personen, davon wurden 64 Personen aufgrund ihrer Aktivitäten zur Verteidigung des Gemeindelandes strafrechtlich verfolgt. Auch die Mitglieder des Gemeinderates wurden bedroht und verklagt.

Was ist aus deiner Sicht wichtig, damit Tourismus nachhaltig und sozialverträglich für die Garínagu ist?

Wir sind grundsätzlich offen für die Aufnahme von Menschen aus dem In- und Ausland. Die Mehrheit der Garínagu-Gemeinden liegt direkt am Strand. Seit jeher können alle Besucher*innen die Strände in den Gemeinden frei genießen, denn wir leben das Prinzip der Gemeinschaft in jeder Hinsicht.

Was für viele Reisende ein Ort der Entspannung in einer schönen Umgebung ist, stellt unser tägliches Umfeld und unsere Lebensgrundlage dar. Die natürliche Umgebung des Reisezieles sollte nicht als eine gekaufte Ware betrachtet und behandelt werden.

Wir wünschen uns einen Tourismus, der die Lebensweise der Menschen und die Umwelt respektiert. Idealerweise bringen Reisende etwas Wissen über Lebensweisen der lokalen Bevölkerung mit. Tourismus wünsche ich mir als eine gerechte und faire Begegnung.

Interview: Rita Trautmann

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